Goldenes Haus

Maria wird Haus oder Palast genannt, weil sie die Wohnung des großen Königs, Gottes selbst, war.
John Henry Newman

Sie werden geleitet mit Freude und Jubel, sie kommen in den Palast des Königs.
Ps 45,16

Du goldenes Haus, bitte für uns.
Lauretanische Litanei

Das Domus Aurea, das Goldene Haus, muss den Zeitgenossen wie ein leibhaftiges Weltwunder vorgekommen sein. Der berühmt-berüchtigte Kaiser Nero, dessen Bild als lyraspielender Künstler vor dem Hintergrund des brennenden Rom durch unsere Populärkultur eindringlich geprägt worden ist, ließ 64 n. Chr. eine riesige Palastanlage errichten, die sich auf einer Fläche von 80 bis 100 Hektar über die römischen Hügel erstreckte. Im Urteil der Nachwelt kommt Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus bereits seit der Antike schlecht weg, ob er aber tatsächlich eine Art Mischung aus Hitler, Putin, Donald Trump und Kim Il-sung war, sei dem besonnenen Urteil der Historiker überlassen. Ein Mutter- und Frauenmörder war er ziemlich sicher und auch eine gewisse Megalomanie wird man ihm nicht absprechen können, zeigt sie sich doch deutlich im Domus Aurea, das wir uns mit Sueton als eine Art luxuriösen, antiken Riesen-Freizeitpark vorstellen können, der Häuser, groß wie ganze Städte, einen künstlichen See, Villen, Weinberge, ganze Wälder, eine Menagerie mit wilden und zahmen Tieren und einen oktogonförmigen Speisesaal mit Kuppelbau, den frühesten seiner Art, aufweisen konnte. Prächtiger und opulenter hat kein Herrscher vor ihm und keiner nach ihm residiert und als die dekadent-pompöse Anlage bezogen werden konnte, soll Nero ausgerufen haben: Endlich wohne ich in einem Haus, das eines Menschen würdig ist! Das krasse Gegenteil finden wir im Marienheiligtum Loreto, wo das Haus der Gottesmutter bestaunt werden kann, ein bescheidener Bau mit ungefähr 36 qm Grundfläche, das 1291, als mit Akkon die letzte christliche Festung im Heiligen Land fiel und die Pilgerfahrt unmöglich wurde, von Engeln (oder der Familie Angelos) nach Italien gebracht wurde. Der Ort der Verkündigung ist alles andere als ein Domus Aurea, und wenn wir heute die Gottesmutter unter diesem Titel anrufen, dann liegt der Grund nicht in ihrem architektonischen Geschmack oder ihrem Händchen für elegante Innenausstattung. Sie selbst ist das wahre Goldene Haus, der Palast, den sich der König des Himmels und der Erde bereitet hat; der Ort, der des wahren und wirklichen Menschen Jesus Christus würdig ist. Die prachtvolle neronische Anlage wurde schon bald nach dem Tod des Kaisers wieder abgebrochen, wenige Reste zeugen heute noch vom einstigen Glanz und vergangener Herrlichkeit. Menschlicher Größenwahn vergeht, die Demut der Gottesmutter aber bildet das Fundament eines unvergänglichen Palastes. Bitten wir sie um ihre Hilfe und Fürsprache, dass auch wir das Haus unseres Lebens immer mehr zu einem kostbaren Goldenen Haus machen können: Geschmückt und geziert mit Glauben, Hoffnung, Liebe, Barmherzigkeit und Hingabe. So wird der wahre Kaiser, der wirkliche Mensch auch in unserem Leben einen würdigen Platz finden. Reihen wir uns ein die Schar der Jungfrauen und Freundinnen, die die Tochter Zion, das ganze Volk Israel und in und mit Maria die ganze Menschheit voll Freude und Jubel in den Tempel Jahwes begleiten: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!“ (1 Petr 2,5)