Gnade

Aber jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat.
Eph 4,7

Die Gnade ist in erster Linie die Gabe des Heiligen Geistes, der uns rechtfertigt und heiligt. Zur Gnade gehören aber auch die Gaben, die der Geist uns gewährt, um uns an seinem Wirken teilnehmen zu lassen und uns zu befähigen, am Heil der andern und am Wachstum des Leibes Christi, der Kirche, mitzuwirken.
Katechismus der Katholischen Kirche, 2003.

Eine der berühmten Irrlehren der frühen Kirche geht auf den britischen Mönch Pelagius zurück, der als Prediger in Rom lebte und den moralischen Niedergang der Gesellschaft anprangerte. Er war der Überzeugung, dass der Mensch aus eigener Kraft heraus gut sein kann, dass wir – wenn wir es nur wollen – die Gebote Gottes erfüllen und uns den Himmel verdienen können. Er sagte: „Ein Christ ist derjenige, der nach dem Beispiel Christi lebt…. wer niemals lügt, nicht schwört, Böses nicht mit Bösem vergilt, wer die segnet, die ihn verwünschen, wer seine Feinde liebt und für seine Verfolger und Verleumder betet. Wer seinen Geist rein hält von jeglichem bösen und unreinem Denken, wer den anderen nichts von dem zufügt, was er auch sich selbst nicht zugefügt sehen will.“ Das hört sich auf den ersten Blick ganz fromm und katholisch an. Doch bereits der heilige Augustinus erkannte den Irrtum des Pelagius: „Das ist das schreckliche und verborgene Gift eurer Irrlehre: Dass ihr glaubt, die Gnade Christi bestehe in seinem Beispiel und nicht in seiner Person. Und dass ihr sagt, der Mensch würde gerecht durch die Nachahmung Christi und nicht durch die Gabe des Heiligen Geistes.“ Man kann den Ein-druck gewinnen, die Irrlehre des Pelagius feiert heute fröhliche Urstände: Jesus ist unser Vorbild, die Zehn Gebote und das Evangelium sind eine Hilfe, eine Erleichterung für uns, letztlich bleibt die Gnade Gottes etwas Äußerliches, wir können aus eigener Kraft zum moralischen Supermann werden. Dagegen steht aber unsere alltägliche Erfahrung, dass unser Wille zum Guten durch die Erbsünde geschwächt ist. Es fällt uns leicht, das Böse zu tun; es fällt uns schwer, das Gute zu verwirklichen. Paulus schreibt: „Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das vollbringe ich.“ (Röm 7,18b-19) Wir sind deshalb angewiesen auf die Gnade Gottes, der uns beschenkt: „Die Gnade ist das Wohlwollen, die ungeschuldete Hilfe, die Gott uns schenkt, um seinem Ruf zu entsprechen. Denn unsere Berufung ist es, Kinder Gottes zu werden, seine Adoptivsöhne, teilzuhaben an der göttlichen Natur und am ewigen Leben.“ (KKK 1996) Uns wird Gottes Leben geschenkt, die Schuld wird uns vergeben; Gott befähigt uns, aus seiner Liebe heraus zu leben. Wir können und müssen uns nicht aus eigener Kraft, aus eigener Macht, aus eigener Vollkommenheit heraus den Himmel verdienen – er ist ein Geschenk. Wir dürfen als von Gott Beschenkte leben und aus dieser Gnade heraus anfangen, das Gute in unserem Leben zu verwirklichen. Das gelingt uns umso besser, je mehr wir uns mit der Person Jesu Christi vereinig-gen: In der Feier der Heiligen Messe, im Empfang der Sakramente, im Gebet. Aus der Jesusfreundschaft wird Jesus-Ähnlichkeit, aus der Gnade Gottes heraus verändern wir unser Leben zum Guten. Er schenkt uns die Kraft, unsere Freiheit so zu gebrauchen, dass wir immer mehr Ja sagen können zu seinem Willen. Der erste Mensch, der in vollkommener Weise von der Gnade Gottes beschenkt worden ist, war Maria. Bitten wir die Mutter des Herrn um ihre Hilfe und Fürsprache, dass auch wir täglich neu unser „Fiat“ sprechen können, dass auch wir Jesus immer ähnlicher werden, dass auch wir aus der Gnade Gottes heraus leben können, um unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt aus dem Glauben heraus gestalten.