Heiland

Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.
Phil 3,20f.

Denn da unsere Seele zur Erfassung des Seienden zu schwach war, bedurften wir eines göttlichen Lehrers; herabgesandt wird der Heiland, Lehrer und Führer zum Erwerb des Guten, die geheimnisvolle heilige Offenbarung der erhabenen Vorsehung.
Clemens von Alexandrien

Ein Heiland – das griechische Wort σωτήρ (Soter) kann man auch mit „Retter“, „Erretter“ oder „Erlöser“ übersetzen – konnte in der antiken Welt ein Gott, ein strahlender Held oder ein großer Herrscher sein. Jemand, der die Aufgabe erfüllt, die später in der Christenheit die 14 Nothelfer ausfüllen: Hilfe bringen in der Not, Rettung schenken, wenn es keinen Ausweg zu geben scheint. Besonders der griechische Gott der Heilkunde Asklepios (Äskulap), der Arzt der Ärzte, der sogar Tote zum Leben erwecken konnte, wurde als Heiland angerufen. Und wenn im römischen Martyrologium die Geburt des Herrn angekündigt wird „im zweiundvierzigsten Jahr der Regierung des Kaisers Oktavianus Augustus, da Friede war in der ganzen Welt“ klingt noch etwas von der hochfahrenden Erwartungen nach, die im 1. Jahrhundert vor Christus den römischen Kaiser Augustus als Weltheiland und Friedensbringer feierten. Im Alten Testament ist der Heiland (jêš‘a, ješû‘âh, môŝî‘a) Jahwe selbst: er rettet sein auserwähltes Volk Israel immer wieder, er führt es in eine neue Zeit des Heils, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Manchmal werden auch Menschen (z.B. Moses) als „Heiland“ bezeichnet, so wird deutlich, dass sie im Auftrag Gottes und in der Kraft seines Geistes handeln. Bei Jesaja wird auch der prophezeite Messias „Heiland“, „Retter“ genannt. Bereits dort kündigt sich auch an, dass der Heiland nicht nur der Retter des Volkes Israel sein wird, sondern dass auch die Heidenvölker in ihm ihr Heil finden werden. Im Neuen Testament wird der Titel Heiland, Retter grundsätzlich so wie im Alten Testament verwendet, als Bezeichnung für Gott, manchmal auch für Jesus. Jesus selbst ist zu Lebzeiten wahrscheinlich nicht als „Heiland“ angesprochen worden, die älteste Stelle im Neuen Testament, an der dieser Ehrentitel verwendet wird, findet sich im Philipperbrief (3,20). Und wenn Jesus Christus als Retter, als Heiland bezeichnet wird, geschieht dies ganz im alttestamentlichen Sinne: er ist der Retter aus Sünde und Schuld, der den Tod überwindet und das Leben neu erschafft – und zwar für die ganze Schöpfung. Als Jesus sich am Jakobsbrunnen im Gespräch mit der Samariterin als Messias offenbart, kommen viele Samariter zum Glauben an ihn und sagen zu der Frau: „Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.“ (Joh 4,42) Das Werk unseres Heilands Jesus Christus, das mit seiner Geburt, seiner Erscheinung auf Erden begann und in seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung gipfelte, ist noch nicht vollendet. Der Antike fremd ist der Ausblick auf die Zukunft: der christliche Heiland ist der, der wiederkehren wird als Richter, aber eben auch als Retter, als Heiland der Welt, um die ganze Schöpfung und auch unseren „armseligen Leib“ zu verwandeln in die „Gestalt seines verherrlichten Leibes“. In der frühen Christenheit wurde der Soter-Titel in die berühmte Formel eingefügt: Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland: die Anfangsbuchstaben der entsprechenden griechischen Wörter ergeben das Wort ΙΧΘΥΣ (ichthys), also Fisch. So wurde aus einem kurzen, zusammenfassenden Glaubensbekenntnis ein frühchristliches Symbol für den Herrn.