Leuchten wie die Sonne

Der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Kinder des Reiches; das Unkraut sind die Kinder des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Schnitter sind die Engel. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten.
Mt 13,37-39.43

 

Das Leben ist größer. Unsere Welt ist größer. Wir hören nicht alle Töne, die existieren. Wir nehmen mit unseren Sinnen nicht alle Dimensionen wahr, die existieren. Wenn wir zum gestirnten Himmel blicken, sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt des ganzen Weltalls. In jedem Wassertropfen erwartet uns eine ganze Welt, die wir nur mit dem Mikroskop entdecken können. Was von der Natur, von der Physik gilt, das gilt auch von unserem Glauben an Gott, den Schöpfer von allem. Unsere Einsicht, unser Verstand, unser Vorstellungsvermögen ist begrenzt. Wir nehmen immer nur einen kleinen Teil wahr, die großen Zusammenhänge überschauen wir nicht. Gott ist unendlich größer, vollkommener, schöner, perfekter, gewaltiger und heiliger, als wir denken können. Deshalb spricht Jesus immer in Gleichnissen, in Sprachbildern, die mehr sagen als tausend Worte, die ein Schlüssel zum Geheimnis Gottes sind: Sie bringen in uns eine Saite zum Klingen und lassen eine Wirklichkeit aufscheinen, wie es theologische Definitionen und Lehrsätze nicht vermögen. Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das Jesus selbst auslegt (Mt 13,24-43), schafft er einen Zugang zum Geheimnis des Vaters, dessen Liebe und Barmherzigkeit sich in seiner Geduld und Langmut zeigt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Die Rede vom Gericht ist keine Drohung (niemand wird entkommen!), sondern eine Verheißung (keiner wird vergessen!), eine liebevolle Warnung: Gott nimmt unser Leben ernst. Es ist nicht gleichgültig, ob wir sinnlos wie Unkraut wuchern, oder gute Frucht bringen. Ja, und es ist ein Geheimnis, dass Gott das Böse in dieser Welt und in unserem Leben zulässt. Gleichzeitig und im Licht des ganzen Evangeliums ist diese Rede über den Vater verbunden mit der Aufforderung an uns, das Böse zu besiegen und nicht tatenlos die Hände in den Schoß zu legen, wenn das Unkraut der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der Armut und Verzweiflung, der Krankheit und Schuld Überhand zu nehmen droht. Jesus ermutigt uns, mit ihm und durch ihn das Gute zu tun und die Liebe zu leben, so gut wir es vermögen. Und dann geschieht etwas mit uns. Denn was von der Größe und Komplexität der Welt und des Kosmos gilt, hat auch Gültigkeit für unser Leben. Es ist größer, komplizierter, vielfältiger, bunter. Auf die Frage, ob wir Kinder des Reiches Gottes oder Kinder des Bösen sind, gibt es keine einfache Antwort. Auch in unserem Lebeen wuchert das Unkraut des Bösen neben der guten Frucht. Aber wir sind berufen, am Ende im Reich des Vaters wie die Sonne zu leuchten. Gottes Licht wird uns erfüllen, und so wie die Sonnenstrahlen ein buntes Glasfenster zum Leuchten bringen, wird auch unser Leben für alle sichtbar, von Gottes Licht erhellt werden. Unsere Gedanken, Worte und Werke werden weithin sichtbar sein und strahlen wie die Sonne. Wird dann ein buntes, wunderbares Farbenspiel der Liebe, Hingabe und Barmherzigkeit zu sehen sein? Oder bringt Gottes Licht auch blinde Flecken und dunkle Schatten an den Tag? Noch ist es Zeit! Noch ist die Gelegenheit, mit Christus, Maria und allen Heiligen das eigene Leben zu sortieren, das Unkraut zu bündeln und die gute Frucht wachsen zu lassen. Gottes geduldige Barmherzigkeit ist unsere Chance. Nutzen wir sie!