Menschensohn

Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.
Dan 7,13f.

Sie sagten zu ihm: Wenn du der Christus bist, dann sag es uns! Er antwortete ihnen: Wenn ich es euch sage, glaubt ihr mir ja doch nicht; und wenn ich euch etwas frage, antwortet ihr nicht. Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten der Macht Gottes sitzen.
Lk 22,67ff.

Wenn das Alte Testament vom „Menschensohn“ spricht, dann ist das einfach ein anderer Ausdruck für Mensch oder Menschenkind, Ezechiel verwendet ihn oft im Sinne des schwachen, ohnmächtigen, hinfälligen Menschen. Ganz anders hingegen im Buch Daniel, Kapitel 7: Der Prophet sieht in einer Vision verschiedene phantastische Tiere, die vielleicht die Macht Babylons symbolisieren oder als Hinweise auf große Weltreiche verstanden werden können. Die einzelnen Bilder sprechen von Macht, Grausamkeit, Krieg und Leid. Die Reiche vergehen, bis das Schrecklichste von ihnen an die Macht kommt. Aber die Reiche dieser Welt haben keinen Bestand, auf wie viel Macht, Reichtum und Grausamkeit sie auch begründet sein mögen. Denn es wird Gericht gehalten, der „Hochbetagte“, Gott selbst erscheint in all seiner Herrlichkeit auf seinem Thron, umgeben von der unzählbaren Schar der Engel. Licht und Feuer begleiten die Erscheinung Gottes. Das Gericht spricht sein Urteil, das letzte Tier wird vernichtet, Gott triumphiert. Nun tritt ein einzelner Mensch auf, der die Königsherrschaft Gottes repräsentieren und als irdischer Sachwalter Gottes fungieren soll. Der Menschensohn ist ein Symbol für das Reich der Heiligen, das das Reich des Bösen überwindet – und zugleich ist er der König dieses Reiches. Das Volk Israel hat die Erfahrung gemacht, dass das irdische Königtum versagt hat: das Reich Davids ist unter dem Ansturm der Eroberer zusammengebrochen, große Teile des Volkes sind im Exil. Aber die Hoffnung lebt weiter, dass Jahwe ein neues Reich errichten und dass er einen Messias schicken wird, um dieses Reich des Friedens und der Gerechtigkeit aufzurichten. Vor diesem Hintergrund übernimmt Jesus den Begriff Menschensohn aus dem Buch Daniel und verwendet ihn für sich selbst – „Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Mk 2,28) Gleichzeitig muss Jesus die Vorstellungen seiner Jünger korrigieren. Gottes Plan sieht keinen politischen Umsturz, keine Revolution, keine glorreiche Machtübernahme vor. Vielmehr gilt: „Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“ (Mk 8,31) Diese Aussicht ist für die Jünger erschreckend, ja schockierend. Erst nach und nach verstehen sie dieses Geheimnis, vollends erst im Licht der Auferstehung. Auch wir machen uns viele falsche Vorstellungen von dem, was Gott machen und tun könnte. Warum läßt er so viel Leid und Grausamkeit zu? Warum darf sich das Reich des Bösen ausbreiten in dieser Welt? Warum ist mein Schicksal so schwer und traurig? Wir erhalten keine andere Antwort als damals die Jünger. Wir können das Böse nur überwinden, wenn wir bereit sind, dem Menschensohn zu folgen, das Kreuz zu tragen und mit ihm zu sterben. Mögen die Tage der österlichen Bußzeit von neuem in uns die Bereitschaft wecken, den Weg des Menschensohns zu gehen um mit und durch ihn Leid und Tod zu überwinden.