Rumpelstilzchen

Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!
Märchen der Brüder Grimm

Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.
Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast
Joh 17,6a.11b

Da steckt die schöne Müllerstochter in Schwierigkeiten. Aus Stroh soll sie Gold spinnen können, mit diesem Vorzug hat der karrieretrunkene Vater sie dem König angedient, doch bevor diese arrangierte Ehe zustandekommt, will der König erst schwarz (bzw. golden) auf weiß sehen, ob seine Zukünftige tatsächlich den Stein der Weisen gefunden hat. In drei Nächsten soll sie jeweils eine Kammer voller Stroh zu Gold verarbeiten, und in ihrer Not (denn natürlich ist sie einfach nur eine Müllerstochter mit Ambitionen) erhält sie unerwartete Hilfe: Ein Männlein macht die Arbeit, gegen Bezahlung. Erst ist es der Halsschmuck, dann der Ring, schließlich das erstgeborene Kind. Nachdem der Deal steht und die Hochzeit gefeiert wurde, steht das Männlein neun Monate später wieder vor der Tür, um das versprochene Kind einzufordern. Undank ist der Welten Lohn, und das Männlein läßt sich doch tatsächlich von den Tränen der jungen Königin erweichen. Wenn sie binnen drei Tagen seinen Namen erraten kann, darf sie das Kindlein behalten. Das Männlein aber wird in seinem Heim – wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen – beim Feuertanz belauscht, während es in unvorsichtiger Vorfreude seinen Namen singt. Und als die Müllerstochter ihn verrät, da reißt sich das Rumpelstilzchen vor Wut und Ärger selbst entzwei. Im Märchen wird der uralte Glaube an die Macht des Namens noch einmal präsent. In der Welt der Antike und des alten Orients war der Name eines Menschen oder eines Gottes mehr als eine bloße Information, die die Neugierde befriedigt. Wer den Namen kennt, ihn aussprechen und anrufen kann, hat eine gewisse Macht. Heute noch spüren wir diesen Zusammenhang, wenn ein Baby die Augen aufschlägt, uns anblickt und unseren Namen weiß und aussprechen kann. Da wird Beziehung und Gemeinschaft hergestellt. Wenn uns ein berühmter Promi auf der Straße zufällig begegnet und uns mit unserem Namen anspricht, sind wir erfreut und geschmeichelt. Wir werden erkannt! Wir sind nicht Teil der anonymen Masse, wir sind wichtig! So ist es auch mit dem Namen Gottes, der bereits im Alten Bund offenbart wurde. Jahwe – Ich bin, der ich bin. Auch der Name Gottes ist mehr als Information, er ist Programm, er stiftet Gemeinschaft und einen Bund zwischen Gott und seinem Volk. Dieser Bund wird auf eine neue Stufe gehoben, als Gott selbst das Programm seines Namens in der Menschwerdung vollendet. Jesus – Je-schua – heißt: Jahwe rettet. Wie kleine Kinder voller Liebe und unendlichem Vertrauen ihre Eltern anschauen und ansprechen, so dürfen auch wir mit und durch Jesus Christus den Namen Gottes anrufen. Er stiftet Gemeinschaft und Beziehung, wir leben als Kinder unseres himmlischen Vaters. Und das gilt auch umgekehrt: Gott blickt uns an, er kennt jeden von uns ganz persönlich, vor ihm sind wir kein Teil einer gesichtslosen Masse. Er ruft uns beim Namen, er hat ihn in seine Hand geschrieben: „Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern sind beständig vor mir.“ (Jes 49,16)