Tschüss!

Als Saul die Höhle verlassen hatte und seinen Weg fortsetzte, stand auch David auf, verließ die Höhle und rief Saul nach: Mein Herr und König! Als Saul sich umblickte, verneigte sich David bis zur Erde und warf sich nieder.
1 Sam 24,8bf.

Wenn ihr in ein Haus kommt, dann entbietet ihm den Gruß.
Mt 10,12

Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.
Lk 10,5f.

Tschüss? Was hat dieser aus dem Norddeutschen stammende, legere Abschiedsgruß in der Reihe der Heiligen Worte zu suchen? Sollten wir nicht eher den Dialektpflegern und Schulleitern folgen, die „Hallo- und Tschüssfreie Zonen“ einrichten, um der Barbarisierung der Sprache einen Riegel vorzuschieben? Tschüss – oder gar die Varianten Tschüsschen, Tschüssikowski, Tschüssing oder Tschö sehen auf den ersten Blick nicht besonders heilig aus. Sollten wir als Katholiken nicht Wendungen wie „Grüß Gott!“ oder „Gelobt sei Jesus Christus!“ benutzen? (Die korrekte Antwort lautet: „In Ewigkeit. Amen“) Oder gar den in der Bibel beschriebenen, orientalischen Grußformen das Wort reden? Sich beim Grüßen bis zur Erde zu verneigen oder sich zu Boden zu werfen mutet uns fremd an und ist nicht wirklich alltagstauglich. Aber bis heute grüßt der Priester bei der Krankenkommunion die Anwesenden mit der liturgischen Formel: „Der Friede sei mit diesem Haus und allen, die darin wohnen.“ Und auch in der islamischen Welt und bei den orientalischen Christen wünscht man sich bis heute gegenseitig den Frieden: as-salāmu ʿalaikum“ – wa-ʿalaikumu s-salām (Der Friede auf Euch – Und auf Euch der Friede!). Schreiten wir zur Ehrenrettung: Tschüss ist ein heiliges Wort, das sich getarnt hat. Bis in die vierziger Jahre war in Norddeutschland die Form „Atschüss“ üblich, und die weist auf den Ursprung dieses Abschiedsgrußes hin, der sich aus dem spanischen Adiós und dem französischen Adieu entwickelt hat und auf dem lateinischen ad deum zu Gott beruht. Wer sich also heute mit einem fröhlichen Tschüss! verabschiedet, wünscht dem Gegenüber in Wirklichkeit dasselbe, was das bayerische Pfiat di Gott meint: Behüte dich Gott! Und auf diese Weise sind wir den in der Bibel verwendeten Grußformen wieder sehr nahe. Denn die Grußformel im Hebräischen geht auf das Wort segnen zurück: Wer einen Menschen grüßt, wünscht ihm den Segen Gottes. In der biblischen Vorstellung birgt der Gruß eine Segenskraft in sich, die dem Gegrüßten zugutekommt, wenn er sich ihrer würdig erweist. Hier wird eine grundlegende christliche Überzeugung sichtbar: Gott möchte, dass wir Mitarbeiter in seinem Heilswerk sind. Gottes Heil, seine Liebe, seine Barmherzigkeit und sein Frieden sind nicht nur Gaben, die wir für uns selbst entgegennehmen, wir sollen sie weitergeben und verschenken und dadurch werden sie nicht geringer und weniger, sondern schöner und größer. Und das gelingt im Kleinen auch mit einem freundlichen Gruß. Auch im Englischen existiert eine Grußformel, in der sich ein heiliges Wort, ein frommer Wunsch getarnt hat. Good Bye! bedeutet nicht einfach „Auf Wiedersehen!“ – diese Abkürzung heißt ursprünglich May God be with you until we meet again. – Möge Gott Dich begleiten, bis wir uns wiedersehen! In diesem Sinne – Tschüss!