Vergebung

Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!
Mt 6, 12

Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von ganzem Herzen vergibt.
Mt, 18, 32ff.

Jesus findet klare Worte: Wir sollen unserem Bruder, unserem Nächsten von ganzem Herzen vergeben, wenn er an uns schuldig geworden ist. Eine klare Sache? Was bedeutet Vergebung? Vergebung setzt voraus, dass jemand schuldig geworden ist und so die Gemeinschaft gestört oder gar zerstört hat. Es gibt verschiedene Reaktionen auf Schuld: Rache, Vergeltung, Strafe, Wiedergutmachung oder aber auch Vergebung. In seinem Gleichnis von dem König, dessen Knecht ihm die ungeheure Summe von zehntausend Talenten schuldet, zeigt Jesus: Vergebung besteht in dem freiwilligen Verzicht auf das Eintreiben der Schuldforderung. Anders als Rache oder Vergeltung führt die Vergebung so zu einer Wiederherstellung der gestörten Gemeinschaft. Wenn ich mich entschuldigen möchte, bin ich auf den anderen angewiesen: Nimmt er meine Entschuldigung an? Vergibt er meine Schuld? Nur Vergebung macht den Weg frei, damit Gemeinschaft von neuem entstehen kann. Wenn ich jemandem vergebe, dann ist das eine Entscheidung, die ich fälle: Ich rechne deine Schuld nicht länger an, ich trage sie nicht nach, ich werfe sie dir nicht mehr vor, ich ermögliche uns einen neuen Anfang. Aber: Vergebung bedeutet nicht, dass Vergangenes einfach ausgelöscht wird. Auch vergebene Schuld schmerzt noch, gärt noch. Es bedarf auch in der geschenkten Vergebung eine Aufarbeitung der Folgen und Konsequenzen der Schuld. Die Bibel offenbart uns im Alten wie im Neuen Testament: Gott ist der Vergebende. Er nimmt die Sünde weg, er bedeckt sie, wäscht sie ab, er heilt den Schaden, den die Schuld anrichtet und erneuert die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Im Sakrament der Versöhnung, der Beichte, spricht Gott uns duch Jesus Christus immer wieder diese Vergebung zu. Seine Barmherzigkeit ist größer als jede Schuld des Menschen. Der Beichtstuhl ist das Gericht, dessen Urteil immer schon feststeht, wenn wir uns ehrlich entschuldigen wollen: Freispruch! Doch Gott nimmt uns Menschen ernst. Seine Liebe, seine Barmherzigkeit, seine Vergebung können wir nur dann empfangen, wenn wir bereit sind, sie auch weiterzuschenken. „Nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden!“ (Mt 7, 2) Einander zu vergeben, ist oft eine Herausforderung. Manchmal scheint es ganz unmöglich zu sein. Doch ist Vergebung keine Leistung, die wir erbringen könnten. „Vergebung muß geschenkt und empfangen werden. Wir können sie nicht selber machen. … Keiner kann Sünden vergeben, außer dem einen Gott.“ (Piet van Breemen) Nur dann, wenn ich weiß, dass Gott mich unbedingt und bedingungslos liebt, kann ich wirklich meine Schuld bekennen und das Geschenk der Vergebung annehmen. Als gottgeliebte Sünder leben wir aus der Vergebung, die Gott uns immer wieder schenkt. Und dann können wir auch damit beginnen, einander immer wieder zu verzeihen und zu vergeben. Beides gilt: Gott kann uns nur dann beschenken, wenn wir bereit sind, einander zu beschenken. Aber gleichzeitig ist Gottes Geschenk auch die Voraussetzung dafür, dass wir fähig werden, einander von Herzen zu vergeben.