Vorsehung

Viele Pläne faßt das Herz des Menschen, doch nur der Ratschluß des Herrn hat Bestand.
Spr 19,21

Unser Gott ist im Himmel; alles, was ihm gefällt, das vollbringt er.
Ps 115,3

Das Zeugnis der Heiligen Schrift lautet einstimmig: Die Fürsorge der Vorsehung ist konkret und unmittelbar; sie kümmert sich um alles, von den geringsten Kleinigkeiten bis zu den großen weltgeschichtlichen Ereignissen.
Katechismus der Katholischen Kirche, 303.

Wie so vieles haben die alten Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. auch den philosophischen Begriff der „Vorsehung“ erfunden. Die Lehre der Stoa spricht von einer über das All herrschenden, unpersönlichen Gottheit, die alles, was auf der Welt geschieht, auf ein Ziel hin lenkt. Dadurch wollte man den seinerzeit herrschenden Glauben an eine blinde Herrschaft des Zufalls überwinden. Auch wenn der Begriff „Vorsehung“ im Alten Testament nur ganz selten verwendet wird, sind doch alle seine Bücher zutiefst von dem Glauben geprägt, daß der Schöpfergott machtvoll, weise und gütig das Weltgeschehen lenkt. Und Jesus ermahnt seine Jünger, sich mit kindlichem Vertrauen auf die Vorsehung des himmlischen Vaters zu verlassen: „Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,31-33) Gott handelt ganz frei und souverän – aber er handelt nicht alleine. Er gibt seinen Geschöpfen die Möglichkeit, an der Ausführung seines Ratschlusses mitzuwirken. Bewußt oder unbewußt – wir sind berufen, „Mitarbeiter Gottes“ (1 Kor 3,9) zu sein. Man nennt Gott und sein Handeln die „Erstursache“ – Gott ist in jedem Tun seiner Geschöpfe tätig. Wir sind die „Zweitursache“, Gott wirkt durch uns: „Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, nach seinem Wohlgefallen.“ (Phil 2,13) Und natürlich sind und bleiben wir frei – wir sind keine Marionetten der göttlichen Vorsehung. Das Verhältnis von Freiheit und Gnade, von Freiheit und Vorsehung genau zu bestimmen, ist bis heute eines der großen, kontrovers diskutierten theologischen Probleme. Wer von der göttlichen Vorsehung spricht, muß sich auch der Frage stellen: Wenn Gott alles lenkt und durch seine Geschöpfe handelt – warum gibt es das Böse in der Welt, das Leid? Gott selbst ist hundertprozentig gut, er kann niemals der Urheber von etwas Bösem sein. Er läßt das Böse nur zu, um etwas Besseres daraus entspringen zu lassen, wie der heilige Thomas sagt. Der Philosoph Robert Spaemann hat es einmal so erklärt: „Ich erzähle Ihnen ein Gleichnis: Stellen Sie sich einen Maler mit unendlicher schöpferischer Kapazität vor. Er fängt an, ein riesiges Gemälde zu entwerfen. Neben ihm sitzt jemand, der das Bild verderben will. Immer wieder spritzt er einen dicken Farbklecks rein, der das Bild verunstaltet. Der Maler bezieht jeden dieser Kleckse in sein Bild ein und macht noch etwas Besseres draus. Am Ende steht ein wunderbares Bild da, so daß man im Rückblick denkt, die Kleckse mußten ja sein, damit das Bild zustande kommt.“ Letztlich ist der Glaube an die göttliche Vorsehung für uns entlastend und voller Trost. Und auch, wenn uns heute die Wege seiner Vorsehung manchmal dunkel und unbegreiflich erscheinen, so dürfen wir doch wissen: Gott macht am Ende alles gut!